29.10.18

50 Jahre Frauenordination

50 Jahre Frauenordination in Württemberg: Der steinige Weg zur Gleichstellung von Theologinnen und Theologen

Pfarrerinnen des Kirchenbezirks Esslingen auf der Kanzel der Frauenkirche

Vor 50 Jahren wurden in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg die ersten Theologinnen ordiniert. Das bedeutet, sie wurden in den Pfarrdienst eingeführt und in das Predigtamt berufen. Dieses Jubiläum wird im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen mit zwei Gottesdiensten gefeiert.

Bis Pfarrerinnen und Pfarrer in der evangelischen Kirche gleichgestellt waren, war es ein langer und mühsamer Weg. Zwar durften Frauen, seit sie 1918 das Wahlrecht bekommen hatten, studieren. „Einige entschieden sich auch für die Theologie, jedoch ohne jegliche Berufsperspektive“, weiß Christiane Wellhöner, Pfarrerin in Esslingen-Sulzgries. 1930 entschied sich die Kirchenleitung, den Theologinnen die Anrede „Pfarrgehilfin“, später auch „Vikarin“ zuzugestehen. Sie waren aber trotz identischer Ausbildung ihren männlichen Kollegen untergeordnet, durften nur eingeschränkt Dienst tun, also keine Gemeinde leiten, bekamen ein minimales Gehalt und hatten keine soziale Absicherung. Gottesdienst, Gemeindeleitung und Seelsorge waren den Männern vorbehalten. Selbstverständlich durften sie keinen Talar tragen, weil dies eine Amtstracht war,  und mussten zudem zölibatär leben. Sobald eine Pfarrgehilfin heiratete, wurde sie aus dem Dienst entlassen. Eine dieser Pfarrgehilfinnen war die promovierte Theologin Renate Ludwig. Sie legte 1932 als erste Theologin in der Württembergischen Landeskirche die zweite Theologische Dienstprüfung ab und war ab 1941 Vikarin in Esslingen. Vielen ist sie als Religionslehrerin am Mädchengymnasium, dem späteren Theodor-Heuss-Gymnasium in Erinnerung. Sie lebte in dem Gebäude, das heute das Gemeindehaus „Laterne“ der Evangelischen Stadtkirchengemeinde ist.

Als im zweiten Weltkrieg viele Pfarrer eingezogen waren und dadurch in den Kirchengemeinden Mangel herrschte, waren – wie auf anderen Feldern auch - die Frauen gefragt: „Aus dieser Not heraus wurden ihnen erlaubt zu predigen, Unterricht zu halten und Seelsorge zu betreiben. Allerdings war es damit zu Ende, als die Pfarrer wieder zurückkamen“, erzählt Cornelia Reusch, Pfarrerin im Geriatrischen Zentrum in Esslingen. So berichtet die in Esslingen aufgewachsene Theologin Lenore Volz in ihren Erinnerungen, dass sie während des Krieges in Cannstatt oft bis zu 24 Gottesdienste im Monat gehalten habe. Eine erste Theologinnenordnung“ schrieb 1948 fest, dass das Predigtamt Aufgabe des Mannes sei. „Frauen ein volles Pfarramt zuzugestehen, da gab es noch viele Vorbehalte“, sagt Reusch.

„Mit dem Gleichstellungsgesetz der Bundesrepublik kam die Sache dann in die Gänge“, erklärt Susanna Worbes, Pfarrerin der Esslinger Gemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz. Doch es sollte noch zehn Jahre dauern, bis die württembergischen Theologinnen ihren männlichen Kollegen gleichgestellt waren. Erst dann durften sie sich auch Pfarrerin nennen. „Dieser Prozess, den der gesellschaftliche Wandel mit sich brachte, wurde durch theologische Bedenken verzögert“, sagt Wellhöner. „Gemeinden waren oft schneller bereit, Frauen auf die Kanzel zu lassen, als die Kirchenleitung.“ Auch sei häufig noch diskutiert worden, ob Frauen denn die Anforderungen des Pfarramts mit Familie und Haushalt unter einen Hut bringen könnten. „Was bei Männern gar keine Frage war, mussten Frauen beweisen“, sagt Wellhöner. Eine Erfahrung, die auch Hella Ostermann machte. Sie wurde 1973 als erste Frau im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen ordiniert und war damals schon Mutter eines Sohnes. Zuvor war sie Vikarin in Esslingen-Zell und Hohenkreuz. 1976 wurde Ostermann Pfarrerin an der Esslinger Johanneskirche. Der Kirchengemeinderat hatte die Theologin einstimmig zur neuen Pfarrerin gewählt. Der damalige Dekan lud sie allerdings zum regelmäßig stattfindenden „Herrenfrühstück“ mit den Worten ein, sie könne ja den Kaffee einschenken. Ostermann lehnte ab.

Auch Cornelia Reusch erinnert sich an die Vorbehalte und Widerstände in der Öffentlichkeit gegenüber Pfarrerinnen. „Doch das weckte meinen Kampfgeist.“ Als sie 1975 ihr Studium begann, seien es „überschaubar wenige Frauen“ in ihrem Semester gewesen, während heute die Frauen einen Großteil der Theologiestudierenden ausmachen. Als Vikarin in Kirchheim habe sie damals als erste Frau Neuland betreten.

Susanna Worbes, die Anfang der 1990er Jahre ihr Vikariat absolvierte, berichtet von Diskussionen, ob schwangere Pfarrerinnen Beerdigungen halten dürfen oder welchen Schmuck und welche Frisuren sie auf der Kanzel tragen sollten. Vorbehalte seien nicht nur von Männern gekommen, betont Reusch und Worbes erzählt, dass trotz formaler Gleichstellung Pfarrerinnen nicht als gleichwertig galten. Christiane Wellhöner dagegen sagt: „Ich war nie irgendwo die erste Frau. Vorbilder zu haben, war gut.“ In Sulzgries etwa war 1966 Dorothea Margenfeld Vikarin. Die Theologin wurde 1992 in Ludwigsburg erste Prälatin und damit Regionalbischöfin der Württembergischen Landeskirche.

Es war ein mühevoller Prozess bis Theologinnen in der Kirche gleichgestellt waren, ein Weg mit vielen Hindernissen und Rückschlägen, sind sich die drei Esslinger Theologinnen einig.

Am Altar der Esslinger Frauenkirche

Mit zwei Gottesdiensten soll das Jubiläum „50 Jahre Frauenordination“ gefeiert werden: Am 8. November findet um 17.30 Uhr zum Auftakt der Bezirkssynode ein Gottesdienst in der Franziskanerkirche in Esslingen statt, der von den Pfarrerinnen Susanne Englert, Ursula Ullmann-Rau und Christiane Wellhöner vorbereitet wird.

Am 11. November wird in der Esslinger Frauenkirche um 18 Uhr ein Festgottesdienst gefeiert, den die Pfarrerinnen Magdalena Beyer, Dorothea Gölz-Most, Cornelia Krause, Cornelia Reusch und Susanna Worbes gestalten. Anstelle einer Predigt gibt es inhaltliche Impulse zum Thema Frauen in der Kirche: Von den Aussagen zur Gemeindeleitung im Neuen Testament, über die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu den Pionierinnen der Frauenordination. In einer szenischen Darstellung sprechen Gemeindemitglieder über die Frage „Wie ist es, eine Pfarrerin zu haben?“ und schließlich verrät Susanna Worbes was den Beruf der Pfarrerin zum Traumberuf macht. Musikalisch gestaltet wird der Gottesdienst von Rolf Most am Tenorsaxophon und Hanna Schüssler an der Orgel. Im Anschluss gibt es einen Stehempfang.