23.04.21

Klimaschutz

Die Evang. Gesamtkirchengemeinde Esslingen stellt ihren Wald als Versuchsfläche zur Verfügung.

Die Forstunternehmer Arthur Krupa (links) und Marcel Dubrow pflanzen die jungen Bäume

Ulrich Kohnle (Mitte) und Revierleiter Daniel Fritz erläutern Kirchenpfleger Frank Kaltenborn (links) die Ziele der Versuchsfläche.

Jede einzelne Pflanze wird per GPS-Koordinaten auf der Fläche eingemessen. Stephan Herbstritt (rechts) koordiniert die Arbeiten.

Der Klimawandel stellt Waldbesitzer und Forstleute vor große Herausforderungen. Es wird erwartet, dass unsere Wälder in den nächsten Jahrzehnten gravierende Veränderungen durchlaufen werden. Noch fehlen zuverlässige Prognosen, wie die Wälder in Zukunft aussehen werden. Zugespitzt formuliert lautet die zentrale Frage: Welche Bäume werden in 50 bis 80 Jahren noch bestehen können, wenn auf dem Feldberg Weinbauklima herrschen wird? Um der Antwort auf die Spur zu kommen, stellte jetzt die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen eine Wiederaufforstungsfläche in ihrem Wald in den Dienst der Wissenschaft. Wissenschaftler der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) legten Versuchsflächen auf dem Schurwald an, um Erkenntnisse zu alternativen Baumarten zu sammeln.

„Die Bewahrung der Schöpfung ist uns als Kirche ein zentrales Anliegen. Das muss vor unserer Haustüre anfangen“, sagt der evangelische Dekan Bernd Weißenborn. „Deshalb unterstützen wir dieses Forschungsprojekt zur Zukunftsfähigkeit und Klimastabilität des Waldes aus voller Überzeugung.“

Neben der Kirchengemeinde sind auch Waldflächen der Stadt Plochingen und der Gemeinde Baltmannsweiler Teil des Versuchsanbaus. Im Fokus stehen zum einen Baumarten, die bereits in den Wäldern Baden-Württembergs heimisch sind und denen eine hohe Klimatoleranz zugetraut wird, die bisher jedoch nur eine untergeordnete Rolle im Wald gespielt haben. Dazu gehören die Hainbuche und die Winterlinde. „Diese Baumarten könnten zukünftig eine führende Rolle übernehmen und in eine höhere Priorität aufsteigen“, vermutet Stephan Herbstritt. Der Forstmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei FVA und für die Anlage und künftige Begleitung der Versuchsflächen zuständig. Neben der vertiefenden Erforschung heimischer Baumarten läuft aber auch die Suche nach Alternativen, die das Spektrum erweitern und bereichern könnten. Atlaszeder, Bornmüllertanne, Nordmannstanne und Baumhasel sind Beispiele. Sie sind eigentlich in anderen Regionen heimisch, jedoch wird erwartet, dass sie mit den bei uns zu erwartenden Klimaverhältnissen gut zurechtkommen. Sie bestechen durch Eigenschaften wie Trockenheitstoleranz oder Anspruchslosigkeit an den Boden.

Auf den Versuchsflächen sind die Pflanzen innerhalb von Zäunen in einem exakten Raster ausgebracht und einzeln per GPS eingemessen worden. Die eindeutige Definition der Position ist notwendig, um aussagekräftige wissenschaftliche Erkenntnisse dokumentieren zu können. Zukünftig werden die Flächen engmaschig überwacht. Die Entwicklung der Startphase wird genau dokumentiert.
Alle Versuchsflächen auf dem Schurwald sind seit den Hitze- und Dürresommern 2018/2019 entstanden. Aus Wassermangel waren die Fichten so geschwächt, dass sie Insekten wie dem Borkenkäfer kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Diese Bäume mussten gefällt und zügig aus dem Wald gebracht werden, um noch gesunde Bäume zu schützen.

Ziel ist es, auch für kommende Generationen vielfältige, standortsangepasste, naturnahe und klimastabile Mischwälder aufzubauen. Dabei können heimische Baumarten durch Alternativbaumarten ergänzt werden. Doch der Wald wird sein Gesicht verändern. „Es wird auch in 80 Jahren hier noch Wälder geben, aber die sehen dann komplett anders aus“, lautet die Prognose von Dr. Ulrich Kohnle, Leiter der Abteilung Waldwachstum bei der FVA Freiburg. Dunkel und feucht seien diese Wälder nicht mehr, vielmehr hätten sie den lichten und lockeren Charakter, wie dies heute in den Wäldern des Südens zu beobachten sei. Die Baumarten Eiche, Buche, Fichte und Tanne spielten dann in unseren Breitengraden keine dominierende Rolle mehr, so der Freiburger Professor.

Gepflanzt wurde die Fläche unter der Federführung von Forstrevierleiter Daniel Fritz. Um die Winterfeuchtigkeit noch voll auszunutzen, wurden die Bäumchen bereits Anfang März in den Boden gebracht.  „Hier hat alles optimal gepasst“, lobt Ulrich Kohnle die gewissenhafte Ausführung der Arbeiten.  Dennoch rechnet der Freiburger Wissenschaftler im Laufe der Jahre mit gewissen Ausfällen: „Das muss man bei einer Versuchsfläche einplanen und ist auch nicht tragisch, denn wir haben auch eine höhere Pflanzenanzahl als sonst üblich ausgebracht.“

Bezahlt wurden die Bäumchen von der FVA-Freiburg. Alle anderen Kosten wie Flächenräumung, Zaunmaterial, Lohnkosten für die Pflanzung sowie die Folgekosten, wenn die Bäumchen von konkurrierendem Bewuchs befreit werden müssen, tragen die Waldbesitzer. Für die Evangelische Gesamtkirchengemeinde hat sich ein Sponsor gefunden, der das Projekt finanziell unterstützt: Die Versuchsfläche wurde aufgenommen in die Spendenaktion „Zukunft schenken“, welche im Frühjahr von Hitradio Antenne 1 initiiert worden war.