07.12.20

Mesner aus Siebenbürgen

Klaus und Dagmar Petra teilen sich den Mesnerdienst an der Stadtkirche. Pfarrer Christoph Bäuerle hat mit ihnen gesprochen.

Klaus und Dagmar Petra in der Esslinger Stadtkirche

Herr Petra, erinnern Sie sich noch, was Sie bewogen hat, in Siebenbürgen, im rumänischen Karpatenbogen aufzubrechen, in Richtung Deutschland?


Unsere Kinder waren die einzigen Deutschsprachigen in der deutschen Schule in Bruus. Wir wünschten uns eine richtige deutsche Schule für sie. Als dann meine Schwiegermutter sehr krank geworden und gestorben ist, haben wir gemerkt, das Gesundheitssystem hat sich auch in 10 Jahren seit dem Umsturz im Dezember 1989 nicht verbessert. Wir hatten keine Hoffnung, dass sich da noch etwas ändert.

Spielte in Siebenbürgen die Kirche eine Rolle im Leben der Menschen?

Ja, es war den Menschen wichtig, sonntags in die Kirche zu gehen. Die Kinder saßen vorne in ihren eigenen Bänken. In Petersdorf, wo ich herkomme, gab es ca. 1400 Siebenbürger Sachsen. In der Kirche saßen die Männer hinter den Frauen. Die unverheirateten Männer saßen auf der Empore. Der rumänische Staat tolerierte das kulturelle und kirchliche Leben der Siebenbürger Sachsen, sogar unter der Diktatur von Nicolae Ceausescu. In dieser schwierigen Zeit unter Ceausescu wurde das Gemeindeleben noch intensiver. Man rückte in den einzelnen Gemeindeteilen, den „Nachbarschaften“, den bis zu 100 Personen fassenden Gemeindeteilen, noch enger zusammen.

Was hat sich in Ihrem Leben verändert durch die Übersiedlung nach Esslingen?

In Siebenbürgen war ich von 1994 an Kirchengemeinderat. Mein Aufgabenbereich war die Diakonie der großen Diasporagemeinde. Ich kümmerte mich um die bedürftigen Menschen, auch um Roma, die neben den Rumänen und Ungarn einen Teil der Bevölkerung bildeten. Es gab eine Kleiderhilfe, Lebensmittelhilfen und ich war sogar die Anlaufstelle für Menschen mit sozialen Problemen. 1996 wurde ich als Wirtschafter (Kirchenpfleger) der weitläufigen Disaporagemeinde angestellt. Das war unter Dr. Stefan Cosoroaba, der jetzt Pfarrer in Heltau ist. Ich betreute die evangelischen Gemeinden in einem Umkreis von 140 Kilometern in 11 Gemeinden und kümmerte mich um den Erhalt der kirchlichen Gebäude. Ich war auch zuständig für den Aufbau einer kirchlichen Jugendherberge in Batiz. Dabei halfen mir meine Ausbildungen als Schlosser, Flaschner und Elektriker.

Dagmar Petra: Meine Mutter war dort eine Zeit lang Köchin. Ich selbst habe in einer Maschinenfabrik gearbeitet bis die Kinder kamen. 1986 wurde unser Jungs als Zwillinge geboren. Dann habe ich in Benzenz, wo ich herkomme, einen Friseursalon aufgemacht. So konnte ich neben der Familienarbeit noch dazuverdienen. Wir waren der Kirche ja in Siebenbürgen immer verbunden. In Esslingen kamen wir nach dem Leben auf dem Dorf in eine große Stadt. Mitten in der Stadt gab es alles zu kaufen.
Wir bekamen mit dem Mesnerhaus einen Ort für die ganze Familie. Unsere Söhne und auch mein Vater lebten mit uns. Und wir bekamen beide eine Anstellung und waren als Mesner für die Stadtkirche und das Gemeindehaus Laterne zuständig. Jeden Tag schließt mein Mann am Morgen die Kirche auf. Ich bin für die Reinigung im Gemeindehaus Laterne zuständig. In der Kirche teilen wir uns das. Um Gottesdienste und Konzerte kümmern wir uns auch gemeinsam.

Klaus Petra: In Esslingen musste ich lernen, bei Kirchenführungen vor Menschen zu sprechen. Einmal wurde ich sogar von einem Pilger gebeten, ihn zu segnen.

Sie sind nicht der einzige Mesner mit siebenbürgensächsicher Herkunft in der Landeskirche. Auch Anemarie Kartmann, die Mesnerin der Frauenkirche, und der frühere Mesner der Südkirche, Johann Toth, stammen aus Siebenbürgen. Was brachte Sie und die anderen dazu, eine Mesnerstelle zu übernehmen?

Zu allererst die Verbundenheit mit der Kirche. 800 Jahre siebenbürgischer Geschichte - mit viel Leid und vielen Hungersnöten - brachten die Menschen Gott im Glauben sehr nahe. Der Zusammenhalt ist uns Siebenbürgern in Fleisch und Blut übergegangen. Manche verließen Rumänien schon in den 1970er Jahren, viele dann nach 1989. Es gibt weltweite Beziehungen, Zusammenhalt auch unter den Auswanderern. Sie leben heute nicht nur in Österreich und Deutschland. Viele Siebenbürger leben heute in Südamerika und anderswo. Auf die Mesnerstelle der Stadtkirche wurden wir durch meine Cousine aufmerksam. Im Mai 2000 rief Dekan Kaufmann bei uns an. Die Kirchengemeinderäte und die Vorsitzende Marianne Ehrmann hörten am Telefon mit und stellten Fragen.

Wenn Sie heute an Siebenbürgen denken, was fällt Ihnen ein?

Mit Freude denke ich an schöne Momente - die Kindheit und Jugend sind unsere stärksten und schönsten Erinnerungen. Mit 10 Jahren begann ich Tuba zu spielen. Heute bin ich Trompeter. Ich spiele in zwei siebenbürgischen Musikkapellen beim Stuttgarter „Karpaten-Express“ und bei den „Adjuvanten“ in Heidenheim. In letzter Zeit spiele ich gerne auch im CVJM-Posaunenchor Esslingen-Stadtmitte mit. Heimweh kommt nur selten auf - beim Zurückdenken. Es ist erstaunlich, dass Klaus Johannis, als Siebenbürger, rumänischer Präsident wurde und viel Anerkennung auch bei den viel größeren Volksgruppen fand.

Gibt es Dinge die Ihnen als Mesner der Stadtkirche das Leben schwer machen? Was sind die Arbeiten, die Sie am liebsten machen?

Manchmal ist es schwierig, Vertretungen zu finden, wenn wir freie Tage oder Urlaub haben. Auch nach 20 Jahren macht uns unsere Arbeit noch viel Freude. Immer wieder probieren wir auch Neues aus. In der schwierigen Corona-Zeit brachte ich mich gerne bei Filmaufnahmen von Gottesdiensten ein. Am digitalen Tag des Offenen Denkmals im September konnten wir so etwas von der Stadtkirche und vom Ausgrabungsmuseum zeigen. Wir freuen uns an der Arbeit mit Menschen. Manche klingeln bei uns am Mesnerhaus…

Herr Petra, Sie haben im Oktober ihren 60. Geburtstag gefeiert. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir wünschen uns nach unserer Zeit als Mesner der Stadtkirchengemeinde ein Zuhause zusammen mit unseren Söhnen. Für diesen Traum suchen wir noch ein Grundstück im Umkreis von Esslingen.