Franziskanerkirche

Blarerplatz / Franziskanergasse 4
73728 Esslingen

Hausmeisterin:
Sigrid Pohle, Tel. 0711 35 38 20

Der Kirchenraum ist von täglich
von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

 

Franziskanerkirche - Blarerplatz

 

Franziskanerkirche - Kupergasse

 

Franziskanerkirche - Franziskanergasse

 

Geschichte der Franziskanerkirche

1237 ließen sich die ersten Franziskaner in Esslingen nieder. Mit dem Bau der Franziskanerkirche (auch Hintere Kirche oder Georgskirche) wurde um 1270 begonnen.Der steil aufragende Chor wurde um 1300 gebaut. Ursprünglich war die Kirche St. Mariae Krönung geweiht.

Die prächtigen bunten Glasmalereien des Chors entstanden in den Jahren um 1320. Sie zeigen einen typologischen Bibelzyklus und wurden wohl entgegen den damaligen Bauvorschriften für eine Bettelordenskirche nur geduldet, weil häufig Generalkapitel in Esslingen stattgefunden haben. Sie wurden unter anderem auch mit Silbergelb gemalt. Diese Farbe kam erst um 1300 in Paris auf und zeigt damit den Rang Esslingens als Kunstzentrum in Schwaben. Im 14. Jahrhundert bot das Kloster auch Quartier für den Kaiser und sein Gefolge.
1390 entstand an der Südwand das Gemälde über die Aufnahme Marias in den Himmel und den Chor der Seligen. Es zeigt zu Marias Füßen kniend einen älteren Franziskaner. Laut lateinischer Inschrift handelt es sich dabei um Hasso von Lampertkein, einen franziskanischen Magister der 1386 in Esslingen starb.
Aus dem 15. Jahrhundert gibt es über der Sakramentsnische an der Nordwand eine Darstellung des Schmerzensmannes mit Engeln.
Nach der Reformation fielen die Gebäude an die Stadt. Diese ließ 1668 einen Teil abreißen. 1840 wurde das Langhaus der dreischiffigen Basilika abgerissen. Heute steht nur noch der ehemalige Chor, der ein Zeugnis der Größe und Bedeutung der ehemaligen Kirche und des Klosters ist.

1908 bis 1912 wurde unter der Leitung von Architekt Albert Benz eine Orgelempore eingebaut und die Sakristei errichtet. Sie ist renoviert und kann für Sitzungen oder Seminare genutzt werden. In der Westfasade setzte man ein Rundfenster von Aloys Staudinger mit der Darstellung von Sankt Georg ein.

 

Ein gotisches Kleinod wurde saniert

Im Januar 2004 konnte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen die Sanierung der Franziskanerkirche, die im Volksmund in Esslingen etwas despektierlich  „Hintere Kirche“ genannt wird, abschließen. Der Begriff „Franziskanerkirche“ ist eigentlich irreführend, da von der einst stattlichen dreischiffigen Basilika in der östlichen Altstadt heute nur noch der Lettner und der Chor stehen. 1840 wurde die Kirche abgebrochen. Gotischer Baustil stand damals nicht hoch im Kurs. Alte Kirchen hatte man in Esslingen mehr als genug. 1,8 Millionen Euro hat die Restaurierung des 1290 fertig gestellten Chores gekostet. 100 000 Euro haben Esslinger Bürgerinnen und Bürger, die sich in einem Förderverein organisiert hatten, an Spenden aufgebracht.

Anknüpfen an die Tradition des Ortes

Nachdem die Sanierung abgeschlossen war, sollte in dem Kirchraum wieder geistliches Leben entstehen - ein geistliches Zentrum, das an die Tradition der Franziskanermönche in Esslingen anknüpft. Mit dem "Kloster für die Stadt" ist ein Ort entstanden, wo man dem Alltag entfliehen kann.

Eigentlich ist ein „Kloster für die Stadt“ ein Widerspruch in sich selbst, denn das Wort „Kloster“ kommt vom lateinischen „clausus“, das mit „verschließen“ (vgl. Klausur) übersetzt werden kann. „Kloster“ meint also Rückzug, sich abschließen als Grundzug katholischer Spiritualität. Dass sich die Mönche von der Welt abwenden und so der eigentlichen Nachfolge entfliehen, war einer der Hauptvorwürfe der Reformatoren gegen klösterliches Leben. Weil sich Nachfolge im Alltag der Welt bewähren sollte, wurden folgerichtig in Esslingen 1531 alle Klöster geschlossen.

Hinwendung zu den Armen

1226, im Todesjahr des Heiligen Franziskus, waren die Franziskanermönche nach Esslingen gekommen. Dort, wo die Armen hausten, wo Prostituierte ihrer Arbeit nachgingen, am Stadtrand in der Nähe noch nicht trocken gelegter Sümpfe, ließen sich die von Franz von Assisi inspirierten Bettelmönche nieder. Intensiv widmeten sie sich der Seelsorge auch einfacher Menschen. Volkstümlich predigten sie in deutscher Sprache. So wurden sie rasch sehr beliebt. Ihre auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit zielende kommunale Friedensarbeit führte bald zu großzügigen Stiftungen. Das Kloster wuchs zu einem bedeutenden Konvent der Franziskaner heran.

Sichtbar ist die vergangene Pracht des Klosters durch Glaskunst. Ein ehemals 45 Scheiben umfassender Glasfensterzyklus erstrahlt im Kirchenraum. Spiritualität, diakonische Zuwendung und Kunst machen die Tradition des eher versteckt in der Oststadt gelegenen Sakralraumes aus.

Über Jahrhunderte war Esslingen eine evangelische Stadt, ein evangelisches Kloster war völlig undenkbar. Mit dem Zusatz „für die Stadt“ kommen nun die Zuwendung zur Welt und die Einmischung in die Welt als Grundzüge protestantischer Frömmigkeit ins Spiel: der Rückzug von der Welt und die Zuwendung zur Welt. Die Anknüpfung an katholische Spiritualität wie auch das Leben protestantischer Frömmigkeit sollen an diesem Ort zusammen kommen. Menschen kommen hierher auf Zeit, um sich geistlich zu ernähren und Glaubensfragen zu vertiefen. 

Orgel in der Franziskanerkirche

Die denkmalgeschützte Orgel auf der Empore der Franziskanerkirche wurde 1912 von der Ludwigsburger Orgelbauwerkstätte E.F.Walcker gebaut. Die in Jugendstilformen gestaltete Orgel besitzt 16 Register, die sich auf zwei Manuale (Hauptwerk, Schwellwerk) und Pedal verteilen. 

Es handelt sich um ein spätromantisches Werk. In dieser Epoche wurden erste Einflüsse der Elsässischen Orgelreform (um 1910) wirksam. Ziel war, weg von den Fabrikorgeln wieder zu den reinen Bachschen Klangidealen der Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts zurückzukehren.

In den 1960er Jahren hatte sich der Musikgeschmack erneut gewandelt. Statt einer romantischen Orgel mit einer eher dunklen Klangfärbung wünschte man sich ein  barockes Instrument mit höheren Tönen. Kurzerhand wurden die Orgelpfeifen gekappt. Aus jener Zeit gibt es sonst kein weiteres, auch nur annähernd gleichwertiges Instrument in Esslingen.

Das Instrument war viele Jahre nicht bespielbar. 2009 hat der Hochdorfer Orgelbaumeister Christian Reichel die Orgel restauriert und wieder in ihren Originalzustand zurückversetzt.

 

Die Franziskanerkirche um 1840 - Bild von Joh. Braungart (Stadtmuseum Esslingen)