29.12.17

Die Seelsorgerin sieht sich in Hebammenfunktion

Susanne Englert wird neue evangelische Krankenhauspfarrerin am Klinikum Esslingen.

© U. Rapp-Hirrlinger

Susanne Englert wollte nie etwas anderes werden als Pfarrerin. „In keinem anderen Beruf lässt sich Glauben und Leben so gut miteinander verbinden“, sagt sie. Mitte Januar tritt die 58-Jährige ihr neues Amt als evangelische Krankenhauspfarrerin am Klinikum Esslingen an.

Susanne Englert ist in Rudersberg aufgewachsen und war dort in der Jugendarbeit fest verwurzelt. Die Entscheidung fürs Theologiestudium war für sie klar. Im Ort selbst sei es damals allerdings noch als sehr außergewöhnlich angesehen worden, dass eine Frau sich für dieses Studium entscheidet, erzählt sie. Sieben Jahre war die alleinerziehende Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder Gemeindepfarrerin in Reutlingen, bevor sie für neun Jahre als Krankenhauspfarrerin an die Universitätsklinik in Ulm wechselte. Zuletzt versah sie nach einem einsemestrigen sogenannten Kontaktstudium in der Schweiz Springer-Dienste in mehreren Gemeinden.

Auf die Rückkehr ins Klinikum freut sich Englert. Hier stehe die Seelsorge und damit eine elementare Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer im Mittelpunkt. „Die Arbeit dort ist sehr spannend und bereichernd, weil man mit Menschen verschiedenster Couleur zusammentrifft – unterschiedlich intensiv glaubende, kirchenferne oder ausgetretene.“ Diese große Bandbreite gebe es nicht nur bei den Patienten, sondern auch bei Angehörigen und Mitarbeitern. Um mit allen ins Gespräch zu kommen, gelte es eine Verständigung jenseits kirchlicher Binnensprache zu finden. „Es ist wichtig, eine dialogische Haltung anzunehmen und dem Gegenüber nichts aufzudrücken.“

Aus punktuellen Begegnungen das Beste machen

Zumindest bei Patienten und Angehörigen sind die Begegnungen meist eher punktuell. „Dann kommt es darauf an, diese Momente zu nutzen, das Beste aus ihnen zu machen.“  Oft trifft Susanne Englert im Krankenhaus auf Menschen in Extremsituationen. „Sich da nicht wegzuducken sondern zu entdecken, was ich beitragen kann, dass dieser Mensch seine Situation besser bewältigen kann, ist entscheidend“, sagt sie. Sie selbst sieht sich in einer Art „Hebammenfunktion“: Mitzugehen in dem, was der andere suche, und ihm zu helfen herauszufinden, was er brauche und was ihm gut tue. Nicht selten erlebt sie, „dass diese Menschen mich beschenken, obwohl sie am Sterben sind“.

Seelsorgerin auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Um Zugang zu Menschen zu finden, sind ihr niederschwellige Angebote wichtig. In der Kinderklinik in Ulm hat sie mit einem Elterncafé gute Erfahrungen gemacht, in dem Angehörige und die Seelsorgerin zwanglos ins Gespräch kommen konnten. Das könne auch die Hemmungen vor einem seelsorgerlichen Gespräch abbauen: „Es ist keine Schwäche, sich einen Gesprächspartner zu wünschen. Und manchmal ist es einfacher, Dinge zu besprechen, wenn dieser von außen kommt“, so ihre Erfahrung. Sie will aber als Seelsorgerin nicht nur dann ans Krankenbett kommen, wenn sie gerufen wird, sondern auch regelmäßig auf den Stationen vorbeischauen. Außerdem ist sie für die Mitarbeitenden im Klinikum zuständig. „Sie stehen oft vor ethisch herausfordernden Situationen“, weiß die Theologin. Auch in ethische Entscheidungen sind die Seelsorger eingebunden und sie sitzen im Ethik-Komitee.

Im Klinikum Esslingen formiert sich derzeit ein neues ökumenisches Seelsorgeteam. Erst wenn dieses wieder komplett ist, könnten Schwerpunkte gebildet werden, meint Englert. Sie kann sich aber vorstellen, für die Klinikmitarbeiter Fortbildungsangebote etwa zu ethischen Fragen oder zur Sterbebegleitung zu machen. Möglicherweise wird sie auch an der Krankenpflegeschule unterrichten.

Ausgleich von ihrem anstrengenden Einsatz im Klinikum mit vielen belastenden Erlebnissen findet Susanne Englert in der Natur, beim Wandern oder Fahrradfahren und in der Musik. Erst vor drei Jahren hat sie angefangen Cello zu spielen. „Da muss ich jeden Tag üben“, erzählt sie.

Investitur am 21. Januar

In einem feierlichen Investiturgottesdienst wird Susanne Englert am 21. Januar 2018 um 10 Uhr in der Versöhnungskirche, Paracelsusstraße 32 in Esslingen, von Dekan Bernd Weißenborn in ihr neues Amt eingeführt. Im Anschluss gibt es einen Stehempfang.