Gemeinsam unterwegs, aber mit eigener Identität

Seit über zehn Jahren pflegen die Verantwortlichen der Esslinger Kirchen und Religionsgemeinschaften einen intensiven interreligiösen Dialog. Wie Juden, Christen und Muslime ihre gemeinsame Aufgabe in der Stadtgesellschaft sehen, wurde jetzt in einem Grundlagenpapier zusammengefasst und festgeschrieben. Es soll auch die Basis des künftigen Miteinanders bilden.

„Wir wollen angesichts religiösen Extremismus Flagge zeigen, wie wir eine interreligiöse Bewegung verstehen und damit auch ein Zeichen für den Frieden setzen“, sagte der evangelische Dekan Bernd Weißenborn bei der Vorstellung des „Esslinger Grundlagenpapiers für den interreligiösen Dialog.“ Achtung, Respekt, Menschenwürde, Toleranz und das Interesse, den anderen kennenzulernen, sind dort festgeschrieben. „Es ist damit auch ein Beitrag zum Frieden in der Stadt. Denn wir leben hier alle zusammen und es soll nicht nur ein Nebeneinander, oder gar ein Gegeneinander sein“, so Weißenborn, der auch im Namen der katholischen Kirche sprach.

Friedliches und gerechtes Zusammenleben

Die Religionen sehen sich in der Verantwortung für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben in der Stadtgesellschaft. Auch die jüdische Gemeinde, die seit 2014 am interreligiösen Dialog in Esslingen teilnimmt, habe ein hohes Interesse an Begegnung und Austausch, berichtete Weißenborn. Den christlichen Kirchen sei vor allem die konsequente Absage an Gewalt im Namen der Religion und das klare Bekenntnis zu den demokratischen Grundrechten wichtig gewesen, betonte Weißenborn.

Keine Religion missachten oder ausgrenzen

Gegen Terrorakte müsse man sich gemeinsam wehren, forderte auch Mohammed Taher Al Radwany von der Fatih Moschee der Islamischen Gemeinschaft Esslingen. Der Islam fordere, keine Religion zu missachten oder auszugrenzen. Bei aller Einigkeit wolle man Unterschiede und Konflikte nicht ausklammern, sagte Weißenborn. „Wir behalten alle unsere Identität. Es ist wichtig, dass kein religiöser Einheitsbrei entsteht. Deshalb werden wir auch an strittigen Punkten arbeiten“, so der evangelische Dekan. Dazu gehört das gemeinsame Gebet. „Wir beten alle zu dem einen Gott, aber jeder so, wie er es gelernt hat“, ergänzte Erdal Senbay von der Ditib-Moschee Esslingen.

Nicht nebeneinander, sondern miteinander leben

Er erinnerte an die langen Jahre des interreligiösen Dialogs und gemeinsamer Veranstaltungen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Religionen zum Thema gehabt hätten. „Uns ist besonders wichtig, dass wir nicht nebeneinander, sondern miteinander leben“, betonte auch er. Mehr als zwei Jahre hat der interreligiöse Gesprächskreis an dem Grundlagenpapier gearbeitet: „Wir haben offen geredet. Es ist ein ehrliches Papier und wir stehen alle dazu“, so Philipp Nürk von der Fatih-Moschee.

Das Grundlagenpapier sei nur ein Zwischenstopp: „Es ist die Grundlage, auf der wir weitergehen müssen“, sagte Weißenborn. Mit den Flüchtlingen in der Stadt kämen neue Themen, mit denen sich der interreligiöse Gesprächskreis auseinandersetzen müsse. Auch die Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog sollen wieder aufleben und aktuelle Themen aufgreifen, wünscht sich Senbay.

Vorstellung am 8. November

Das Grundlagenpapier wird am 8. November um 19.30 Uhr im Bürgersaal des Alten Rathauses in Esslingen der Öffentlichkeit präsentiert.