26.10.17

Frühes Zeugnis der Reformation bekommt neuen Platz

Lange fristete eines der frühesten Zeugnisse der Reformation in Esslingen ein Dasein im Verborgenen. Der Grabstein von Matthis Herwart wurde jetzt von der Sachsenkapelle in das südliche Seitenschiff der Stadtkirche versetzt.

© U. Rapp-Hirrlinger

B. Weißenborn am Epitaph von Matthis Herwart

© U. Rapp-Hirrlinger

Grabstein Matthis Herwart mit Inschriften und Wappen

Das Epitaph des aus einer Augsburger Patrizierfamilie stammenden Kaufmanns stammt aus dem Jahr 1538. Bereits sieben Jahre nach Einführung der Reformation in Esslingen zeigt es durch zwei biblische Zitate deutliche Zeichen der neuen evangelischen Bestattungskultur. „Dass Bibelworte auf Grabsteinen zu lesen sind, war bis dahin ungewöhnlich“, erklärt Dekan Bernd Weißenborn. Dies zeige, dass der Einzelne über den Tod hinaus eine Würde habe. Zudem werde das alltägliche Leben mit dem biblischen Wort verbunden, erläutert der Theologe. 

Matthis Herwart ließ gleich zwei Zitate aus dem 1. Korintherbrief in den Stein meißeln. „Gleich wie sie Adam sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden“ und „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum“, steht ganz oben zu lesen. In der Mitte des Steins findet sich ein Bild mit dem Herwartschen Familienwappen, das gleich zweifach eine Eule, das Symbol der Weisheit, zeigt.

Darunter folgt dann ein individuelles Glaubensbekenntnis. In dessen Zentrum steht die evangelische Überzeugung, dass der Mensch „allein durch Christum selig“ werden kann. „Solchs Bekennen von Herzen glauben“, gebe Gott allein durch Jesus Christus, betont die Inschrift. „Dieser klare Christusbezug ist charakteristisch für den Geist der Reformation, die die Beziehung der Menschen zur Bibel neu aufnimmt“, sagt Weißenborn.

„Der Grabstein lehrt uns, was sich sehr mit der Evangelischen Kirche verbindet, nämlich die Bibel durch sich selbst sprechen zu lassen. Die Schrift legt sich durch sich selbst aus und bestärkt uns, auf die Kraft der Bibelworte vertrauen, die ihre eigene Botschaft haben. Insofern ermutigt dieses frühe reformatorische Bibelzeugnis, verstärkt Anlässe, Ereignisse, Übergänge im Leben mit Bibelsprache zu verbinden. Sie wird uns, wie bei diesem Grabstein, einen wichtigen Dienst tun, um der Treue Gottes auf die Spur zu kommen“, so der Dekan.  Dass der große und knapp eine Tonne schwere Grabstein nun gut sichtbar im Innenraum der Stadtkirche steht, diene dazu, dieses frühe reformatorische Zeugnis besser zu würdigen.

Auch Pfarrer Christoph Bäuerle, der immer wieder Führungen zur Reformation in Esslingen anbietet, freut sich, dass der Stein nun an einer gut zugänglichen Stelle einen Platz gefunden hat. Über die Person und das Leben von Matthis Herwart wisse man wenig, erklärt er. Der Grabstein berichtet: „Anno 1538, den 12. Tag November starb der erbar und veste Matthis Herwart von Augsburg hie begraben“. Bäuerle vermutet, dass Herwart sich längere Zeit in Esslingen aufhielt und nicht quasi auf der Durchreise hier starb.