12.10.17

Sprachbildung hilft allen Kindern

Sprache ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe und zum gegenseitigen Verständnis. Aus diesem Grund engagierten sich viele evangelische Kindergärten im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen seit langem in der Sprachbildung. Mit der Aufnahme in das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ wird diese Arbeit auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt und intensiviert.

© U. Rapp-Hirrlinger

S. Martin, E. Farago, S. Maier, S. Schock, U. Stoye, U. Diatta, V. Rachner, B. Weißenborn (v.l.)

Die Esslinger Kindergärten Schelztorstraße, Gartenstadthaus, St. Bernhardt, Zollberg und Parkstraße bilden gemeinsam mit dem Kinderhaus Vogelwiesen in Altbach und einem Kindergarten in Wendlingen einen sogenannten Projektverbund. Diese Einrichtungen werden künftig von Sprachfachberaterin Sabrina Martin beraten. Jedem Kindergarten steht zudem eine halbe Stelle für eine Sprachfachkraft zu, die das pädagogische Personal in Sachen Sprache berät und schult.

„Gedacht ist das Projekt für Kitas mit einem überdurchschnittlich hohen Migrationsanteil“, sagt Sabine Maier, die pädagogische Leiterin der Kindertageseinrichtungen in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen. „Es geht darum, die Sprachbildung in den Kindergartenalltag zu integrieren“, erklärt Martin. Ob im freien Spiel,  bei Rollenspielen, beim gemeinsamen Essen oder Basteln - eine bewusste und korrekte Sprache soll überall zum Tragen kommen. Das Projekt hat einen inklusiven Ansatz und richtet sich nicht allein an Kinder mit Migrationshintergrund. „Es kann die Bildungschancen aller Kinder verbessern“, sagt Martin. „Auch deutsche Kinder haben sprachliche Defizite“, weiß Erika Farago, Sprachfachkraft im Schelztor-Kindergarten.

Gute Erfahrungen im Esslinger Schelztor-Kindergarten

Dort hat man als Schwerpunkt-Kita im Rahmen der Offensive „Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache und Integration“ seit 2011 gute Erfahrungen mit der gezielten Sprachbildung gemacht. Kita-Leiterin Ute Stoye weiß, was das im Alltag bedeutet: „Wir wurden zum Beispiel geschult, langsam, in ganzen Sätzen und auf Augenhöhe mit dem Kind zu sprechen.“ Um Kinder zu Sprechen zu animieren, müsse man offene Fragen stellen, auf die die Kinder dann antworten. „Da muss man sich selbst am Riemen reißen“, gibt Stoye zu. Sie selbst erlebe seither Sprache viel bewusster. Verena Rachner, die Leiterin des Kinderhauses in Altbach, ist froh, „zu wissen, es ist jemand da, der mit genauem Blick auf unsere Arbeit schaut und den wir fragen können, wenn es um Sprachbildung geht“. Auch dort hat man schon Erfahrung mit gezielter Sprachbildung im Kindergarten.

Viel mehr als Sprachförderung

Für Susanne Schock, Kindergartenfachberaterin des Evangelischen Kirchenbezirks, ist das neue Konzept viel mehr als Sprachförderung. „Es ist zutiefst pädagogische Beziehungsarbeit. Es geht um die Haltung gegenüber den Kindern, darum, ihnen zuzuhören und auf Augenhöhe zu begegnen.“ Ulrike Diatta, Sprachfachkraft in Altbach, sieht sprachliche Bildung als einen Weg um Chancengleichheit herzustellen. „Ich kann erst mitbestimmen, wenn ich mich sprachlich ausdrücken kann.“

Der Blick geht jedoch über den Kreis der Kinder hinaus. Um die deren Lebenswelt wahrzunehmen, sollen Eltern stärker einbezogen werden. Im Schelztor-Kindergarten gibt es deshalb seit Jahren ein Elterncafé zum lockeren Austausch und manchmal übernehmen Mütter den Kochtag und bereiten gemeinsam mit den Kindern das Essen zu.

Kindern gute Sprache mitgeben

Bernd Weißenborn, Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks, ist es wichtig, „dass wir den Kindern in unseren Einrichtungen eine gute Sprache mitgeben. Denn nur so funktioniert Kommunikation und Teilhabe.“ Im Schelztor-Kindergarten habe man gesehen, welche guten Erfolge diese wissenschaftlich untermauerte Arbeit zeige. „Deshalb freut es mich besonders, dass wir nun dank der Hartnäckigkeit von Sabine Maier am Bundesförderprojekt teilnehmen können.“

Maier ist wichtig, dass das neue Konzept keine Konkurrenz zur traditionellen Sprachhilfe ist. „Wir arbeiten gut zusammen und können voneinander profitieren“, ist sie überzeugt. Irgendwann, so wünschen es sich alle Beteiligten, soll sprachliche Bildung ein fester und ganz selbstverständlicher Bestandteil der Kindergartenarbeit sein.